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  • AutorenbildMichael Wälti

Storytelling lernen mit Beispiel


Mit diesem Artikel kannst du in Präsentationen deinem Storytelling mehr Struktur, Wirkung und Dramaturgie verleihen. Eine minimale Anleitung, wie du ein Storytelling machst. Wie du sicher weisst, führen Emotionen dazu, dass beim Publikum mehr im Gedächtnis zurückbleibt. Darüber wurde bereits viel geschrieben und ich möchte dich deshalb lieber gleich zur Praxis führen. Ziel ist es, dass du in den Köpfen deiner Zuhörer:innen ein Kopfkino auslöst. Sie sollten die Geschichte visuell und emotional miterleben. Deine Kernbotschaft platzierst du so erfolgreich im Gedächtnis der Zuhörer:innen.




Storytelling-Struktur



Für mich hat sich folgendes Schema bewährt, das ich u.a. von Doug Stevenson und Nancy Duarte zusammengestellt habe.



1 Stell die Situation vor

2 Geh auf die Reise

3 Triff auf das Hindernis

4 Überwinde das Hindernis

5 Schliess ab

6 Teile die Erkenntnis



Ein Storytelling kannst du am Anfang einer Präsentation nutzen, aber auch in der Mitte, um wichtige Argumente zu verstärken. Um eine Story auszuwählen: Denke bei deiner Kernbotschaft nach, ob du die darin enthaltene Information, Erkenntnis oder Weisheit schon unmittelbar erlebt hast. Die erlebte Geschichte kannst du für die Präsentation aufbereiten.


Achtung: Vermeide es, Stories dazu zu verwenden, dich selbst als Held:in darzustellen. Stories dienen dazu Erkenntnisse weiterzugeben. Eine Geschichte ist ein Geschenk ans Publikum und muss für die Zuhörer:innen relevant sein. Schenkst du deiner Partner:in ein Konzert von deiner eigenen Lieblings-Band auf den Geburtstag? Hoffentlich nicht. Die Wirkung sollte sein, Menschen in ihren eigenen Themen zu unterstützen, zu ermutigen und die innewohnenden positiven Kräfte der Menschen zu wecken. Das geht nur, wenn dein Wissen eine Relevanz für das Publikum hat.


Ich gebe im Schema einige stark gekürzte Beispiele aus einer eigenen Story, die sich tatsächlich ereignet hat und die ich für meine Seminare nutze. Fasst diese Beispiele bitte nicht als eine komplette Geschichte auf. Eine vollständige Niederschrift würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.


Wenn du eine eigene Geschichte gestaltest, empfehle ich, dass du Papier und Bleistift zu Hand nimmst und dann zu jedem der sechs Schritte einige Punkte notierst. Danach kannst du anfangen, die Geschichte zu proben: laut sprechend und auf zwei Beinen – idealerweise mit Kamera. Die Zimmerwand wird sich über deine Geschichte freuen.



Storytelling Teil 1: Stell die Situation vor



Hier brauchen wir als Zuhörer:in zuerst Ort und Zeit.


Ich erzähle euch eine Geschichte: In 2002 lebte ich in meinem Elternhaus in Münchenbuchsee, ein kleiner typischer Vorort von Bern.


Dann kannst du weiter ausschmücken, was die Situation war (der Status Quo vor der Reise). Dies sollten Informationen sein, die eine Stimmung schaffen, Informationen über die erlebende Person geben und weitere Punkte, die nötig sind, um die Geschichte zu verstehen.


Ich war Gymnasiast und ging ins Gymnasium Hofwil. Es war ein grauer, nasser Morgen im späten November. Nicht besonders motiviert und noch im Halbschlaf fuhr ich mit meinem Fahrrad früh morgens los.


Nun sehen die Zuhörer:innen im Kopfkino einen Teenager morgens auf dem Fahrrad zum Gymnasium fahren. So könnte auch ein Film starten: Eine “Alles-Ist-Noch-Normal-Szene”.



Storytelling Teil 2: Geh auf die Reise



Danach kommt die Handlung, die zum Problem hin führt, wo die Normalität endet. Hier wechsle ich ins Präsens und verwende mehr Körpersprache beim Erzählen. Idealerweise erleben wir die Situation nochmals nach und sehen sie vor unserem inneren Auge ablaufen, wenn wir sie präsentieren.


Ich fahre dann beim Gymnasium ein, parkiere das Fahrrad, gehe in die Mensa vor dem Hauptgebäude und lasse einen Kaffee am Automaten heraus. Drei Zucker und zwei Rähmli braucht dieser, um geniessbar zu sein. Mit den Anderen stehe ich noch kurz vor dem Hauptgebäude herum, bevor wir auf das erste Klingeln hineingehen. Englisch-Stunde. Ich gehe ins Zimmer und setze mich an den linken Rand. Ich weiss in dem Moment noch nicht, dass dieser Morgen eine unangenehme Überraschung bereit hält.


Nun kommt die Geschichte in Fahrt. Dieser Teil darf nicht zu lang sein, sondern führt zielgerichtet zum Problem. Ich nutze diesen Teil auch, um die Stimmung zu verdichten und die Spannung zu steigern.



Gymnasium Hofwil mit Mensa rechts



Storytelling Teil 3: Triff auf das Hindernis



Jede Geschichte braucht ein Problem, ein Hindernis, einen Widerstand. Ohne ein Problem entsteht keine Spannung und keine Relevanz für das Publikum. Seit wir sprechen können geben wir Menschen unser Wissen mit Geschichten weiter, die dabei helfen, Probleme zu überwinden. Darum prüfe bitte unbedingt, dass deine Geschichte einen echten, nachvollziehbaren Widerstand hat. Ohne Problem ist die Geschichte seicht, als hätten Frodo und Sauron an einem sonnigen Nachmittag zusammen Tee getrunken und sich nett über den Ring unterhalten, wem er denn jetzt gehöre.


Hier gibt's noch keine Spannung (Bild von Midjourney)

In meinem Beispiel:


Dann kommt Jeanne hinein. Eine Mitschülerin, die auch meine Nachbarin ist, und setzt sich neben mich. Sie fragt:


“Hey, wir haben heute beide Vortrag oder? Willst du zuerst oder soll ich zuerst?”


Und ich:


“Oh shit shit shit … Den habe ich total vergessen!!”


Es klingelt zum zweiten Mal und kurz darauf kommt der Englisch-Lehrer hinein. Steven Gerber. Ein zwei Meter grosser Mann, von Kopf bis Fuss schwarz gekleidet – wie er das meistens ist. Er leitet auch die Theatergruppe und besitzt eine sehr sanfte, aber deutliche Stimme.


Herr Gerber kommt zu uns ans Pult und stellt die gleiche Frage:


“Who of you wants to go first?”


“Mr. Gerber, I totally forgot… What can I do?”


“Hm… Either I give you a bad mark and you compensate OR you prepare your presentation while Jeanne ist doing hers.”


“But I have no idea what to talk about. What do you suggest?”


“Just tell a good story. That always works. A story builds a bridge to your audience. 10 Minutes are over quickly.”


Ok, I guess I’ll try.”



Ein Problem, das jede Person nachvollziehen kann, die eine Schule besucht hat. Vergessene Hausaufgaben = grosses Problem, grosser Stress. Somit fühlt jede Person mit. Kommt der arme Michael aus diesem Schlamassel heraus?


Storytelling Teil 4: Überwinde das Hindernis



Das Problem muss bewältigt werden. In meinem Fall sitze ich erst ratlos da, bis die präsentierende Jeanne ein Stichwort sagt, dass mich an eine kürzlich erlebte Geschichte erinnert. Nachdem Jeanne abgeschlossen hat, präsentiere ich die humorvolle Geschichte im Anschluss – mit Erfolg. Wie mein damaliger Lehrer Herr Gerber vorausgesagt hatte, baute die Geschichte eine Brücke zum Publikum. Meine Mitschüler:innen hingen mir an den Lippen und lachten oft.


Somit war das Hindernis überwunden. Die Erkenntnis führte in der Praxis zum Erfolg.



Storytelling Teil 5: Schliesse ab



Eine Geschichte braucht ein Ende. Wir wissen alle, wie schwierig offene, unklare Enden in Kinofilmen zu verdauen sind. Hier muss der neue Status Quo hergestellt werden, in dem eine Erkenntnis gewonnen wurde und die Welt etwas besser aussieht als vorher.


Nach der Präsentation kam Herr Gerber zu uns ans Pult. Wir erhielten beide die Note 5. Zu mir sagte er sogar noch: “Ich habe kurz überlegt, dir eine noch bessere Note zu geben, aber ich will nicht deine mangelnde Sorgfalt belohnen.”. Somit hatte das Erzählen einer Geschichte mich mit dem Publikum verbunden, meinen Tag gerettet und mir eine ungenügende Note erspart.



Jedes Storytelling braucht ein Ende

Storytelling Teil 6: Teile die Erkenntnis



Die Erkenntnis wurde bereits von Mr. Gerber in die Geschichte eingebracht: Bau eine Brücke. Geschichten bauen eine Brücke zum Publikum. Das ist ein Beispiel für eine Kernbotschaft.


Oft haben wir Erkenntnisse nicht aus dem Nichts, sondern sie entstehen abhängig von anderen Menschen und Faktoren. So vermeiden wir eine weitere Falle in unserem Storytelling: Kommt die Erkenntnis ohne weitere Quellen nur direkt von uns selbst, stellen wir uns übermässig positiv und weise dar. Darum sollten wir auszeigen, welche andere Quellen und Menschen dazu beitrugen.


Achtung: Nur eine Kernaussage pro Geschichte! Wenn wir mehrere Kernaussagen haben, verlieren diese ihre Kraft. Bleib bei einem Punkt, einem zentralen Anliegen.


In Schritt 6 sprechen wir über die Erkenntnis und suchen den Bezug zum Publikum. Wir können dazu erst eigene Ausführungen machen. Dann können wir dazu rhetorische Fragen (rhetorische Fragen in dem Sinn, dass sie keine Antwort benötigen) ans Publikum stellen: “Habt ihr auch schon erlebt, dass Geschichten brücken bauen?”. Danach bringen wir Beispiele. Hier müssen wir den Mehrwert der Erkenntnis aufzeigen, den die Erkenntnis für das Publikum haben kann. Darum solltest du das Publikum hier direkt ansprechen.


Ganz am Ende sprichst du nochmals die Kernbotschaft aus und formulierst einen Wunsch oder eine Aufforderung:


Geschichten bauen Brücken. Ich empfehle ihnen in Zukunft, Storytelling in euren Präsentationen zu verwenden. So schafft ihr mehr Freude für das Publikum und für euch selbst.




Storytelling Bedeutung



In einer vorbereiteten, strategischen Geschichte für eine high-stakes Situation sind diese 6 Punkte unentbehrlich, damit die Story funktioniert. Das heisst, dass dich vorbereiten solltest: Entwickle und probe die Geschichte, bevor du sie präsentierst. Glücklicherweise können wir aber diese Stories oft in nachfolgenden Präsentationen wiederverwenden. Sie gewinnen dann immer weiter an Tiefe.


Der Wert einer solchen Geschichte ist aus meiner Sicht unermesslich. Wenn ich z.B. inspirierende Ted Talks von mittelmässigen Ted Talks unterscheide, dann haben die herausragenden Ted Talks immer ein grosses Storytelling-Element drin. Wenn ich mich an Präsentationen erinnern soll, fallen mir fast nur die erzählten Geschichten ein. Selten bleiben bei mir die Fakten, Zahlen und Argumente hängen.


Ich eröffne fast alle meiner Keynotes mit Storytelling, denn dadurch lernt mich das Publikum sofort kennen. Die emotionale Transparenz und Verletzlichkeit, wenn ich eine Geschichte erzähle, schafft sofort Nähe, auf der ich aufbauen kann.


Ich empfehle also wärmstens, Storytelling zu üben und zum Teil des eigenen Präsentationsrepertoires werden zu lassen.


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